Der zweite Hund
Über kurz oder lang, wenn man mit seinem Retriever in Show oder Work erfolgreich
war, und sein Liebling ein gewisses Alter erreicht hat, sei es im Zenit oder
schon im höheren Alter, kommt der Gedanke, sich einen zweiten Hund anzuschaffen.
Viele unserer
Bekannten meinen dann: „Nein, das ist zu viel Arbeit“ oder „Unser alter Hund
wird eifersüchtig und wird darunter leiden.“
Genau diese Gedanken hatten auch wir: „Werden es unsere Hunde vertragen, habe
ich dann überhaupt Zeit, ist das eigentlich mehr Aufwand?“
Betrachten wir es einmal von der reinen Wirtschaftlichkeit und von der
vernünftigen Seite.
Eines ist klar: Ein zweiter Hund kostet auch mehr Geld. Man braucht mehr Futter,
hat mehr Tierarztkosten und so weiter. Mit einem zweiten Hund ist die
Urlaubsplanung eine ganz andere als mit nur einem Hund, und im Auto braucht man
auch mehr Platz.
Also sollten Sie bis dahin einen Sportflitzer mit Notsitzen haben, würde ich mir
hier einen anderen Wagen – zumindest für Langstrecken – überlegen.
Ebenso sollte die Wahl, ob Rüde oder Hündin, überlegt sein. Wenn man es sich
unbedingt auf „Lebensstress“ steht, kauft man sich zur patenten Zuchthündin
eventuell einen hoffnungsvollen Deckrüden. Damit ist der Stress vorprogrammiert,
sofern man keine Maßnahmen dagegen setzt. Einfach nur zu sagen: „Ich kaufe mir
jetzt zu meiner Hündin einen Rüden, weil die Hündin öfter läufig wird und mit
dem Rüden ist das Arbeiten leichter.“, ist wohl sehr unüberlegt. Das führt
unweigerlich zur Kastration einer der beiden Hunde.
Wobei man bei einer Kastration oder Sterilisation, sofern es keine notwendige
Operation ist, immer von dem Hund etwas wegnimmt.
Was mitunter sehr wichtig für die Psyche des Hundes sein kann. Hier gehen die
Meinungen sehr auseinander, und darum betrachte ich es als meine persönliche
Meinung.
Haben Sie sich dazu durchgerungen, doch nach diesen Blickpunkten einen zweiten
Hund zu kaufen, dann beachten Sie folgende Tipps:
Man muss natürlich berücksichtigen, dass der derzeitige Hund, den ich besitze,
nicht wirklich „zu alt“ ist. Das heißt, es ist nicht sehr sinnvoll, wenn ich
einen zu alten Hund besitze, mit etwa 12 oder 13 Jahren, und dieser sich schon
mit vielen Wehwehchen abplagt, einen Welpen zu kaufen. Diesem alten Hund gebe
ich damit den letzten Rest. Aber bei einem älteren Hund, der durchaus gesund ist
und mit einem guten sozialen Verhalten, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es
sogar eine Verjüngungskur für diesen Hund bedeuten kann. Denn Hunde sind
Rudeltiere, und auch wenn sie mit uns Menschen das Leben teilen, ist es für sie
eine absolut willkommene Abwechslung. Und Sie haben einen unheimlichen Vorteil:
Sie erziehen sicher nicht Ihren Hund alleine.
Der Vorteil eines älteren Hundes ist, zumindest für den jüngeren Hund, sich
gewisse Sachen abschauen zu können, durch das richtige Verhalten dieses älteren
Hundes (wir gehen davon aus, dass es ein sozial halbwegs normaler Hund ist).
Ein Junghund profitiert sehr daraus. Dies gilt nicht nur für das tägliche Leben,
sondern durchaus auch bei der Ausübung eines Hundesports bzw. Jagdhundesports.
Eines muss aber bewusst sein: Bei einem jungen Hund müssen Sie dieselbe
Konsequenz bei der Erziehung haben, die Sie auch beim älteren Hund haben. Das
alte Gerücht, dass der alte Hund alles übernehmen wird, ist hier nicht Sache.
Denn Sie sind der Rudelführer, und hoffentlich nicht Ihr alter Hund. Sollte Ihr
alter Hund der Rudelführer sein, dann haben Sie sowieso ein Problem.
Denn dann haben Sie sich einen zweiten Rudelführer dazugekauft.
Ein weiterer Punkt, der für mich der allerwichtigste Punkt ist: Ihr junger Hund
ist nicht Ihr alter Hund! Es ist ein eigenes Individuum
und es ist auch so zu behandeln. Einen jungen Hund zu kaufen, um vielleicht
seine Erfolge gleich weiter zu führen wie mit dem alten Hund, ist eine
Traumversion. Sie tun dem jungen Hund damit einen unheimlichen Stress an. Und
setzen in ihn Hoffnungen, die er
Ihnen nie erfüllen kann. Ich habe das beobachtet, gerade bei vielen
Hundeführern, die nach ihrem erfolgreichen Ersthund alle Hoffnungen in den neuen
Hund gesetzt haben. Und immer wieder ihren Zweithund verglichen haben mit ihrem
ach so erfolgreichen Ersthund. Die bittere Erkenntnis kam dann meistens nach dem
dritten Hund. Einen Vorteil werden Sie auf jeden Fall haben:
Den Vorteil, dass Sie innerhalb des Rudels zu unheimlichen neuen Erkenntnissen
kommen werden. Kein noch so guter Film im
Fernsehen ist so spannend wie das Verhalten zwischen zwei Hunden in einem Rudel.
Und wenn sich man ein bisschen mit Calming Signals beschäftigt, tun sich hier
für den Hundebesitzer Welten auf.
Für mich persönlich waren viele neue Erfahrungen bei unseren Neuankömmlingen
immer wieder ganz große Aha-Erlebnisse. Denn nicht alle Hunde sind gleich und
das Aufeinandertreffen vieler unterschiedlicher Persönlichkeiten kann
Erfahrungen liefern, die man in so einer Intensität nie erleben kann. Darum
wünsche ich jedem bei der Wahl eines Zweihundes noch viele schöne Tage und
wunderschöne Erlebnisse, die einem sicher das Leben bereichern können. Denn was
die Haltung anbelangt, beim richtigen
Umgang mit seinen Retrievern, im Endeffekt alles ein bisschen leichter wird. Und
der wirtschaftliche oder der Vernunftaspekt fast in den Hintergrund tritt.