Ist die Zuchtordnung des ÖRC noch zeitgemäß?
Im
vertieften Gespräch mit einer alten Retrieverclub-Bekannten und
erfahrenen Züchterin ist uns beiden heute die Zuchtordnung in den Kopf
geschossen. Viele Pflichten, wenig Rechte, sehr eng und ausgeklügelt
scheint sie mir zu sein, die Zuchtordnung. Fast schon wie eine
Verordnung. Ich glaube, dass die Verordnung in einem
Explosionsschutzdokument nichts gegen unsere Zuchtordnung ist. Denn sie
ist scharf wie eine Bombe, kein Trick, keine Ausweiche für einen Züchter
bleibt übrig. Fast jedes Hintertürl ist geschlossen. „Ihr bösen Züchter,
ihr! Was habt ihr bloß getan?“
Ich lese nur mehr Pflichten, Formulare, und wehe, ihr macht etwas
falsch. Zerbeißen wird euch der Wart! Und schon steht ihr an der Wand.
Nichts mit Papieren. Nein, nein, lassen wir doch den Spaß. Sie ist gut
durchdacht, die Zuchtordnung. So gut, dass manche Erbkrankheiten im
Interesse einiger sogar weg gelassen werden. Aber vielleicht sollten wir
die Dinge nicht so eng betrachten. Und uns fragen: „Ist der
Zuchtordentliche Retriever optimal?“ Machen wir einmal ein kleines
Beispiel. Ich sehe einen Labrador, der vom Typ her der klassische, alte
Labrador ist, mit einem erschreckend guten will to please und einem
Jagdleistungsdurchschnitt bei vielen Working Tests oder Trials, wo einem
die Spucke weg bleibt. So, und jetzt kommt´s. Der hat eine schlechte
Hüfte. Also nicht zur Zucht zugelassen. Andererseits sehe ich wieder
eine Labradorhündin, die mit guten Arbeits- und Ausstellungsergebnissen
und mit einem guten Hüftergebnis eine Zuchtzulassung bekommt, obwohl
vielleicht ihre Geschwister kaputte Hüften haben. Manche Goldens sind
wesensmäßig eine Katastrophe, aber weil sie gute Gesundheitsergebnisse
haben, dürfen sie in die Zucht. Es ist für mich fast schon eine
sadomasochistische Veranlagung, die wir uns selbst auferlegen.
Wir schreiben eine Zuchtordnung, die eigentlich den Hund nicht als
Gesamtes sieht. Mir ist schon klar, und es ist wichtig, eine
Zuchtordnung zu haben, die bombendicht ist, sodass ein eventuell
unseriöser Züchter hier keine Hintertüren findet. Aber das Leben besteht
nicht aus weiß und schwarz, sondern sogar der Gesetzgeber sieht oft
Grauschattierungen. Es gibt fast für jede Verordnung oder Gesetzgebung
in Österreich eine Ausnahme. Weil man einfach nicht die Dinge nur in
schwarz und weiß betrachten kann. Ja, ja, ich höre schon die Stimmen:
„An den Pranger mit dem Keller, an den Pranger!“ Aber eigentlich spreche
ich da aus, was viele von uns sich denken. Wer hat eigentlich diese
Zuchtordnung geschrieben? Und wer hat die Zuchtordnung des ÖKV
geschrieben? Waren das Genetiker? Waren das Kynologen? Was sind
überhaupt Kynologen? Und wer gibt uns das Recht zu wissen, was richtig
ist für die Zucht? Versuchen wir, den Retriever als Ganzes zu sehen. In
einem vernünftigen, ich sage, in einem vernünftigen Formwert mit seinem
Wesen und seiner Gesundheit im Ganzen. Und fragen wir uns, was ist uns
lieber? Eine straforganisierte Ordnung ohne Wenn und Aber, die einfach
einen Wesens- oder Working Test oder eine BLP, eine gesunde Hüfte und
gesunde Augen verlangt, und wir uns dem Etikettenschwindel hingeben, um
bei der nächsten Generalversammlung zu glänzen? Oder wir machen uns die
Arbeit einer Zuchtkommission, beziehungsweise die Möglichkeiten einer
Zuchtordnung, den Züchter mit verschiedenen Varianten, seine
züchterischen Ziele zu erreichen.
Warum muss ich einen Hund mit einer C-Hüfte, der aber dafür FTCH ist,
dazu verdammen, wegen einem Fehler, dass er niemals in die Zucht gehen
wird? Und warum hat von mir aus ein wunderschöner Hund, der alle CACIBs
dieser Welt besitzt aber kein Wesen hat, (um Gottes Willen, ich bin kein
Showhasser und kein Field Trial Verfechter) die Möglichkeit, zehn Mal zu
decken? Ich möchte selbst zu meiner Schande erklären, dass ich früher
ein großer Verfechter strenger Zuchtordnungen war. Aber ich stelle mir
heute die Frage, warum keine Zuchtkommission existiert? Warum kann man
nicht mit besonderen Prädikaten einen für immer aus der Zucht
ausgeschlossenen Hund gezielt und mit Bedacht manche Ausnahmeregelung
veranlassen? Statt sich die Zeit mit den neuesten Versionen der
Zuchtordnung zu vertreiben. Ich finde es traurig genug, dass viele
Züchter sowieso ein lemminghaftes Verhalten haben. Kaum hat irgendein
erfahrener Züchter mit einem Rüden seiner Wahl gedeckt, folgen alle wie
die Blinden, ohne Rücksicht auf Verluste, ob die Verpaarung überhaupt
passt. Irgendwie krankhaft. Auch traurig, dass sich nur eine handvoll
Züchter wirklich über ihre Zucht Gedanken machen. Und wir vielleicht
gerade diese Züchter, die vielleicht mehr Erfahrung als mancher Beginner
hat, mitunter kriminalisieren. Halt, ich spreche nicht von Züchtern, die
sich nicht an die Zuchtordnung halten! Ich spreche von den Züchtern, die
vielleicht manchmal laut denken. Denn der Retriever ist ein Jagdhund.
Vielleicht auch ein Familienhund. Aber ich glaube nicht, dass er ein
Zuchtordnungshund ist.