Ist der Wesenstest heute noch zeitgemäß?

Auf die Gefahr hin, hier sehr stark kritisiert beziehungsweise auch als Richter in Frage gestellt zu werden frage ich mich, ob der Wesenstest heute noch der Zeit entspricht.

Wenn man sich den Wesenstest, der vielleicht vor zehn Jahren noch entsprechend war, so im Verlauf ansieht, birgt er für mich eine gewisse Starrheit und vermittelt immer mehr den Charakter einer Zuchtzulassungsprüfung, aber weniger einer Anlagen- beziehungsweise Wesensprüfung.
Verzeiht mir, liebe Leser, aber wir haben bereits schon eine Wesenstest-Trainingskultur in Österreich, wo aber ein halbwegs normal veranlagter Hund durchaus ohne Schwierigkeiten einen Wesenstest bestehen kann. Und ist es nicht beim ersten Mal, dann ist es halt beim zweiten Mal.
Ganz klar, die Wesensrichter sollten auf erwünschte Wesensmerkmale achten. Selbstsicher, freundlich, aufmerksam, vertrauensvoll, interessiert, gute Hund-Führer-Bindung, guter Beute- und Bringtrieb, effektive Witterungsaufnahme, Wasserfreude und Schusssicherheit.
Unerwünschte Charaktereigenschaften sind Misstrauen, Ängstlichkeit, keine Hund-Führer-Bindung, kein Beute- und Bringtrieb, und dergleichen.
Ich behaupte, dass man sehr viele Eigenschaften antrainieren kann. Gute und schlechte. Beziehungsweise kann man auch bei vielen Hunden, obwohl sie sehr gute Eigenschaften besitzen, durch falsche Hund-Besitzer-Bindung sehr wohl Meideverhalten antrainieren.

Mal ganz einfach. Gehen wir in der Annahme, dass klein Mäxchen bei einer Familie, dann genau derselbe Hund stattdessen bei einem Hundesportler oder bei einem netten Pensionisten aufwachsen würde. Die Entwicklung des Hundes wäre bei jeder Personengruppe anders.
Angefangen bei der Familie mit starker Überreizung, bei einem Hundesportler eventuell mit zu viel Druckverhalten, wo sich entweder Meideverhalten oder durch falsches Training extremes Triebverhalten zeigen würde (lautes Bellen, winseln,…), beziehungsweise bei einem Pensionisten der Hund beispielsweise an Überfettung leiden und zu wenig Bewegung haben würde und sein Dominanzverhalten anders wäre als bei den anderen Personen.
Was wollen wir hier richten? Und was sehen wir hier als Wesensverhalten? Den Momentanzustand? Ist das für uns eine zuchtrelevante Interpretation? Nützt uns das was? Ich glaube nicht. Es wird immer wieder gesprochen, dass wir in der heutigen Zivilisation von unseren Hunden eine hohe Anpassungsfähigkeit und Belastbarkeit verlangen. Bedeutet die hohe Anpassungsfähigkeit herumlümmeln den ganzen Tag, Extremsport betreiben oder Dauerbelastbarkeit bei einer Großfamilie? Wobei ich jetzt nicht das Schema Pensionist, Hundesportler oder Familie verallgemeinern will. Ich kenne durchaus Pensionisten, die international ein sehr hohes Niveau haben.

Wir müssen viel mehr das Gesamtbild eines Hundes sehen. Wo ein Wesenstest einfach nicht ausreichend ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass hier eine Kombination wie Wesenstest, Working Test, BLB, RLP von mir aus auch Prüfungen wie BGH, RBP oder GH ein besseres Bild zeigen würden. Ein Hund, der in die Zucht gehen soll, sollte hier wirklich seine Qualitäten zeigen. Wobei man hier Unterschiede zwischen Rüden und Hündinnen machen sollte. Mit ein paar Untersuchungsergebnissen und eventuell einem antrainierten Wesenstest, wo man gerade noch züchten kann, ist für mich keine Zuchtvoraussetzung. Sondern eher ein gutes Geschäft. Ich sehe das für Field Trial Züchter und für Showhundezüchter gleich. Denn ich denke mir, ein guter Arbeitslinienzüchter sollte genauso in seinem Spezialgebiet Ergebnisse zeigen können wie manch ein Showlinienzüchter. Dies soll jetzt keine direkte Kritik an dem derzeitigen Wesenstestreglement sein, aber sehr wohl ein Gedankenansatz, wie man einen so genannten Wesenstest flexibler gestalten könnte. Nicht nach Stationen und Punkten, sondern einen Hund so zu bewerten, dass man angeborene Merkmale beziehungsweise angelernte Verhaltenseigenschaften filtern und als Momentaufnahme sehen kann. Ich betone sehr wohl Momentaufnahme, weil natürlich bedingt durch die Situation ein Hund sich auch an diesem Tag ganz anders zeigen kann. Hier ist es wichtig, einen Retriever so zu sehen, wie die jeweiligen Eigenschaften je nach Rasse sind und dass man nicht seinem persönlichen Geschmacks- oder Leitbild folgt. Mir ist es bewusst, dass dies sehr schwierig ist. Aber das muss für einen Wesenrichter eine Herausforderung sein, dies zu erkennen.
Hier helfen sicher Werkzeuge wie Calming Signals, eigene Erfahrung und genaues Beobachten zwischen Hund- und Führerbindung. Bei einer gewissen Flexibilität der Wesenstests ohne gleich bleibendes Schema beziehungsweise starre Bewertungsvorgaben könnte man den Wesenstest aus der heutigen Sicht durchaus verbessern und einen vernünftigen Anlagentest daraus machen.
Das wirkliche Wesen, glaube ich, kann man hier wirklich nicht beurteilen. Dazu sind die äußeren Einflüsse im Laufe der ersten Hundejahre zu stark.