Schwejks World

Es ist Morgen und ein Working Test in Tschechien. Die Sonne scheint, und der leichte Hauch des Herbstes zieht übers Land. Einer der vielen Tschechischen Seen spiegeln im Sonnenlicht und die Schwäne machen den ersten Tagesausflug. Der Gang zu einem Lokal namens "Minigolf" lässt die Hoffnung erwarten, nicht unbedingt einen Kaffee "Turku" zu trinken, sondern einen richtigen Espresso zu bekommen. Hat sich zu meiner Freude bestätigt. "Ahoi, herzlich Willkommen in Tschechien, mein Freund."
Mit einem lächelnden Blick begrüßt uns unser alter Freund, den ich jetzt "Schwejk" nenne.
Der gelassen die letzten vier Jahre seine kleine Gruppe aufgebaut hat und immer wieder sagt: "Immer, wenn ich diese tolle Arbeit sehe, springt mein Herz vor lauter Freude!"

Heute ist ein großer Tag. Er startet das erste Mal als erster Tscheche in der Open.
Auch viele Österreichische und Tschechische Freunde sind schon anwesend, und mit der üblichen Gelassenheit beginnt die ganze Organisation. Längst habe ich mich daran gewöhnt, nicht nach der Uhrzeit zu fragen, wann fangen wir an? Doch immer mit einem stillen Lächeln im Kopf die Antwort erwartend: "Weiß nicht, vielleicht um neun, vielleicht auch um zehn Uhr..."
Freund Wolfgang mit seniler Bettflucht und üblicherweise von der Revierbegutachtung zurückkommend nimmt endlich auch sein Frühstück ein. Gott sei Dank kein Kaffee "Turku". Gott sei Dank ein Espresso. Der Tag ist gerettet.
Ein paar Österreicher, ein paar Tschechen, ob der Schmäh deutsch oder tschechisch, immer der gleiche.
Sehr anders sind die auch nicht, nur wie wir vor dreißig Jahren, gemütlicher.
Schwejks World eben. Und genau das ist es. Kein Stress, keine Hast, machen wir schon, wird schon fertig werden.
Freund Wolfgang hat gefrühstückt. Wird unruhig und sagt: "Kommt´s! Los geht´s. Sonst sind wir zu Mittag auch noch da." Ab geht´s ins Revier.

Unser Freund, Codename Schwejk, ist jetzt ein bisschen nervös. Das sieht man an seinen lachenden Augen. Die zeitweise ein bisschen nervös schauen. Denn heute startet er in der S. Der erste Tschech. Im Revier geht´s eigentlich schon los. Sechs Millimeter Pistolen sind in Tschechien eine fade Geschichte. Die haben nur neun Millimeter.

Die kennen nichts. Fünf Leute in der Open, dazu unser Freund Karl. Spitzen Hund, spitzen Führer. Und manch andere gute Leute. Und dann mein Freund Schwejk. Mit seinem Show-Labi und seiner Ruhe stapft er zu mir und macht einen Zwanziger. Nicht schnell die Hündin, aber sicher. Unser Freund nicht nervös, Aber konzentriert. Brav geht´s. Und dann sagt er zu mir: "Ja, ich schau. Hab jetzt auch diese Übung geschafft. Und noch keinen Nuller."
Doch die letzte Übung kommt. Ein Teich, hohes Gras, eine Wiese und ein Standtreiben. Die Neunmillimeter peitschen durch die Luft. Die Dummies vorne, die Dummies hinten, ein paar ins Wasser, ein paar in die Wiese. Die letzte Übung von unserem Freund. "Und obwohl Du mein Freund bist, ich schenke Dir keine Punkte. Im Gegenteil, fair bis zum Verrecken." Unser Freund macht´s ruhig und souverän, die Hündin langsam aber sicher. "Na", sagt der Wolfgang, "ist gar nicht so schlecht, unser Freund."

Wir rechnen die Punkte zusammen, Laptop gibt es keinen. Keine EDV-Zentrale, kein Funkgerät und keinen Drucker. Und siehe da - gewonnen hat er. Unser Freund Schwejk. Bei der Siegerehrung kann er es nicht fassen. Die Augen tränen, und er freut sich. Es ist wie ein Stich ins Herz, vor vier Jahren wo er nicht einmal gewusst hat, was ein Dummy ist und heute seine Open gewonnen hat. Erster ist er. Die Siegerehrung ist vorbei, wir verabschieden und umarmen uns. Und er sagt: "Danke!" Ich schau ihn an und sage: "Du, geschenkt habe ich Dir nichts. Du brauchst Dich nicht bedanken." Und er antwortet: "Danke, dass ihr an uns geglaubt habt. Der Wolfgang und Du."
Jetzt hat er mich gepackt, mein alter Freund. Und bevor ich den Moralischen bekomme, fahre ich. Und im Auto denke ich mir: Sechzig ist er geworden. Mein Freund, der Schwejk. Aber der erste Platz in der Open macht nicht einmal einen neuen Skoda wett.

Schwejks World ist anders. Sie ist klein und einfach. Nicht Profisache. Aber und vielleicht gerade deswegen eine heile Welt. Ein Budweiser und scharfe Würstel auf einer Holzbank. Kein Rinderfilet. Dusche irgendwo am Campingplatz. Nichts mit Bad im Zimmer. Aber gerade deswegen ist Schwejks Welt so schön.