Über Freud und Leid

Endlich stehe ich wieder auf der Wiese, einer großen Wiese, mitten im Wald. Ich stehe da mit ein paar Freunden. Kalt ist es. Der Atem bildet kleine Wölkchen vor dem Mund, es liegt kaum Schnee, trotzdem ist es irgendwie weihnachtlich. Stille. Man hört nur das knirschende, gefrorene Gras unter den Füßen (Irgendwie bricht es, man hat Angst, dem Gras weh zu tun. Aber es ist ja gefroren, oder?).
Zwischendurch guckt die Sonne durch die Bäume und wärmt uns ein bisschen das Gesicht. Durch die zaghaften Strahlen beginnt der wenige liegende Schnee beinahe zu leuchten. Die Stille wagt niemand zu durchbrechen, es wird nur leise gesprochen, alles läuft sehr ruhig ab. Ein Reh kreuzt in einiger Entfernung die Wiese.

Und dann blicke ich links an mir runter. Da sitzt mein bester Freund. Mein Labrador. Und ich freue mich auf das Training mit ihm, weil wir ein Team sind und weil es Spaß macht.

Bei manchen Übungen schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: „Oh nein, wie soll ich denn das schaffen?“ Und innerlich frage ich mich, wem denn nur so eine verrückte Übung einfallen kann und fluche still vor mich hin.
Doch ich versuche es trotzdem. Ehrgeiz? Nein, nein. Das ist ein Kick. Der Kick, es zu versuchen, mit meinem Hund. Wenn es ein Kribbeln verursacht, den Hund zu führen. Das ist es!

Dann denke ich nach. Eine Aufgabe, die es gemeinsam mit dem Hund zu lösen gilt. Wie schicke ich den Hund, woher kommt der Wind, was mache ich, wenn ein unvorhergesehener „Zwischenfall“ eintritt und der Hund anders reagiert, und so weiter. Denn ein Problem habe ich: Es wird nicht klappen, wenn ich mir denke, dass wir es nicht schaffen werden. Ich muss meinem Hund Sicherheit vermitteln, und dass die Aufgabe ganz einfach ist. Nur keine Angst.
Und dann schicke ich ihn. Seelenruhig. Mit einer Mischung aus Spannung, Freude und doch auch Sicherheit.
Und mein Hund geht mit einer Souveränität an die Sache ran und macht es so gut, dass ich nur staunen kann. Und mir denke:
„Wow!“ Das ist ein Glücksgefühl, dass man schon Gänsehaut bekommen mag. Und dann hört man es auch von den Anderen. Dieses „Wow! Toll gemacht!“
Manchmal frage ich mich dann: „Wieso hat er das jetzt so sicher gewusst?“ Und dann überlege ich wieder. Und es fällt mir ein. Er weiß es, weil er es gelernt hat. Von mir. Und, was noch wichtiger ist: Ich war mir der Sache sicher. Das ist der Schlüssel.

Dann wieder klappt etwas nicht ganz so gut. Man steigt wieder ab vom hohen Ross. Aber das ist es, was Spaß macht. Wie fad wäre ein Training, wenn es perfekt wäre? Wenn der Hund perfekt wäre? Und der Mensch dazu. Und dann beginnt man, zu philosophieren. Wie kann ich „das Problem“ lösen? Wie kann ich es besser machen? Was mache ich falsch, dass es nicht so recht klappt? (Einige Zeit brauchte ich schon zu der Erkenntnis, dass nicht der Hund „falsch tut“, sondern in 99 Prozent der Fälle der Fehler bei mir liegt.)
Wenn dann bewusst wird, was falsch läuft, welchen Fehler man macht, sucht man, oft stundenlang, nach Lösungen.
Bittet den oder die Trainingspartner um Rat. Oft fällt anderen etwas auf, was man selbst nicht sieht oder bemerkt. Dann kommt öfter dieses „Aha-Erlebnis“.
Und man versucht es anders. Manchmal klappt aber auch das dann nicht so gut. Es wird einfach noch nicht perfekt. Und dann, nach vielen Versuchen und Überlegungen, geht man einen Weg, der vielleicht nicht der übliche Problemlösungsweg ist, aber unsere Hunde sind ja auch keine Maschinen, die man nach dem 08/15-Prinzip behandelt. Man versucht es einfach. Weil man da etwas entdeckt hat, das vielleicht schief gelaufen sein könnte.
Und dann trainiert man nach seinem eigenen Prinzip weiter. Wo vielleicht ein anderer gesagt hat, dass das Schwachsinn ist. Entgegen allen Widrigkeiten macht man weiter. Mit der eigenen Theorie. Und dann sieht man plötzlich Fortschritte. Die Arbeit am und mit dem Hund trägt Früchte. Man hat seine eigene Theorie, weil man seinen Hund in- und auswendig kennt, und diese Theorie ist vielleicht nur für diesen einzigen Hund gut. Aber es klappt. Und man freut sich über den Erfolg. Und damit wächst man noch mehr zusammen. Geht den Weg. Macht miteinander Erfahrungen, lernt einander immer mehr kennen und lesen, und dann, dann werden Hund und Mensch ein richtiges Team. 

Susanne