Am Ziel…

Es ist noch früh. Der Atem bildet kleine Wolken vor dem Mund, die Nase wird ziemlich kalt. Die Hände sind rot von der Kälte, die warmen Handschuhe scheinen ihren Zweck nicht zu erfüllen. Warm eingepackt und trotzdem frierend – wirklich wegen der Kälte oder wegen der kurzen und alkoholreichen Nacht lässt sich nicht feststellen – steht man da, seinen Retriever an der Leine und wartet. Man tratscht über dies und jenes, Belanglosigkeiten, ein kleiner Blick nach unten und man bemerkt, dass sich schon recht viel Gatsch an den Sohlen der Stiefel gesammelt hat. Klarerweise versucht man automatisch, diesen abzustreifen – zwecklos. Irgendwie wird das immer mehr. Dann formatiert sich die Menschenmenge. Eine Menge aus Hundeführern, Schützen und Jagdleitern. Man leint seinen Hund ab, die Leine braucht man ja sowieso nicht mehr. Der Wind bläst ins Gesicht und an den Ohren vorbei, in der Entfernung hört man einen der Jagdleiter rufen, versteht aber kein Wort. Bewegt sich auf und ab, um sich warm zu halten. Schon riecht man den ersten Schnaps. Ach ja, eh klar. Aber das gehört anscheinend dazu.
Dann bildet sich so langsam die Line. Immer ein Hundeführer zwischen zwei Schützen. Die Schützen sehen einen an. Was mag das für ein Blick sein? Missbilligung? Anerkennung? Der Blick ist nicht zu deuten. Dann wieder Stille. Die Kälte setzt sich im Gesicht fest. Die Zehen sind noch warm, aber wie wird das in ein paar Stunden sein?
Wo sind die anderen Schützen? Die kommen von der anderen Seite. Soweit, so gut. Dann steigt die Spannung, das Jagdhorn wird geblasen. Und man beginnt zu gehen. Aber nur recht kurz. Denn plötzlich sieht man nur mehr Fasane streifen und hört Schüsse aus allen Richtungen. Die ersten Vögel fallen. Manche direkt vor den Hund. Manche sehr weit weg. Kurze Bewunderung, die Schützen treffen wirklich viel. Ein Blick nach unten lässt erahnen, dass der Hund sehr damit beschäftigt ist, zu markieren, doch so viele Vögel, wie mag das möglich sein? Egal. Das ist jetzt unwichtig. Und dann schickt man schon seinen Hund. Zuerst einmal etwas wahllos, denn in etwa dreißig Metern Entfernung liegen so viele Stücke auf einem Haufen, dass es egal scheint. Interessant wird es erst später. Die Schützen schießen, die Hunde laufen los und apportieren.
Ein Stück nach dem anderen. Moment, da dazwischen flattert noch einer, den will ich zuerst. Also schicke ich meinen Hund. Stoppe ihn. Weise ihn hin. Dieses Stück möchte ich haben, die toten Vögel interessieren mich nicht. Und dann funktioniert es. Der Hund versteht. Trotzdem da viele Hunde am Laufen sind und geschossen wird. Der Hund ist konzentriert. Auf mich und auf das Geschehen. Gleichermaßen. Glitzern in den Augen vor Freude. Der Hund wird wieder geschickt. Kommt schnell zurück.
Und dann liegen nur mehr ein paar Stücke da, auf der Lichtung, ziemlich weit weg. Man schickt seinen Hund jetzt auf eines. Man weist den Hund abermals ein, er konnte das nicht markieren. Raunen von den Schützen. Die sind erstaunt. Der Hund vertraut. Kommt zum Erfolg. Teamwork. Und dann, dann ist man am Ziel. Das Ziel der Arbeit am Team Hund – Hundeführer.

Jetzt sehe ich in die Augen meines Hundes. Mein gelber Wahnsinniger pumpt richtig den Sauerstoff in seine Lungen hinein. Wie eine Dampflok. Fast glaube ich, dass sein Herz zerspringt. Aber in seinen Augen sehe ich das Glück. Es ist ein anderer Blick. Den kann man nicht beschreiben. Es ist einfach das Gefühl. Diese Power zu sehen, wenn er mit dem Stück kommt. Es ist wie im Rausch und zugleich auch etwas anderes.

Dann kehrt wieder Ruhe ein. Der Trieb ist vorbei. Wir zwei schauen uns an und ich sehe nur eines: ein „Danke“ aus seinen Augen. Es ist der Moment, der wie eine Ewigkeit erscheint, wo ein zufriedenes Team fast wie eine Person in der Dämmerung nach Hause geht.